C1.1 · Listening
Hören: Vorlesung
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Guten Morgen, meine Damen und Herren. In der heutigen Sitzung beschäftigen wir uns mit der Frage, inwiefern unsere Sprache unser Denken beeinflusst. Ich betone: inwiefern. Die Frage ist nicht, ob, sondern inwiefern Sprache unser Denken prägt – denn dass es irgendeinen Zusammenhang gibt, bestreitet heute kaum noch jemand. Umstritten ist das Ausmaß. Lange Zeit nahm man an, Sprache sei lediglich ein Werkzeug, um Gedanken auszudrücken. Das Denken, so die klassische Vorstellung, laufe unabhängig von jeder Einzelsprache ab; Wörter kämen erst hinterher, als Etiketten für fertige Gedanken. Diese Auffassung hatte den Vorteil, dass sie erklärte, warum sich im Prinzip alles aus jeder Sprache in jede andere übersetzen lässt. Neuere Studien legen jedoch nahe, dass die Struktur einer Sprache die Wahrnehmung beeinflusst. Ich nenne Ihnen drei Beispiele. Erstens: Sprecherinnen und Sprecher von Sprachen, die keine Wörter für links und rechts kennen, sondern nur Himmelsrichtungen verwenden, orientieren sich messbar besser im Raum – sie wissen auch in geschlossenen Räumen, wo Norden ist. Zweitens: Wer eine Sprache spricht, in der Hell- und Dunkelblau zwei verschiedene Grundfarbwörter haben, unterscheidet diese Farbtöne im Test schneller. Drittens: In Sprachen, die das grammatische Geschlecht kennen, beschreiben Versuchspersonen dieselben Gegenstände unterschiedlich – eine Brücke wird von deutschen Sprechern eher als elegant, von spanischen eher als stabil beschrieben, was mit dem Genus des Wortes zusammenzuhängen scheint. Wie ist das zu bewerten? Ich halte diesen Einfluss für real, aber für deutlich geringer, als oft behauptet wird. Die Effekte sind in Experimenten messbar, aber klein; sie verschwinden, sobald man den Versuchspersonen eine andere Strategie anbietet. Es spricht also einiges dafür, dass Sprache unsere Aufmerksamkeit lenkt, nicht aber unser Denken begrenzt. Wer behauptet, Menschen könnten ohne ein bestimmtes Wort einen bestimmten Gedanken nicht fassen, geht nach meiner Einschätzung zu weit. Allerdings ist dieser Einfluss schwer zu messen und bleibt umstritten – auch unter Fachleuten, die dieselben Daten kennen. Im zweiten Teil der Sitzung werde ich auf die Methoden dieser Studien eingehen: Wie prüft man überhaupt, ob eine Sprache das Denken beeinflusst, ohne dass die Prüfung selbst wieder durch Sprache verzerrt wird? Danach betrachten wir konkrete Beispiele aus der Zweisprachigkeitsforschung. Bitte lesen Sie bis nächste Woche den Aufsatz, den ich auf die Lernplattform gestellt habe.