C1.2 · Listening

Hören: Hörspiel

  1. Es ist kurz nach Mitternacht. Draußen peitscht der Regen gegen die Fensterläden, im Herd knistern die letzten Scheite. Anna Berger sitzt allein in der Küche des alten Forsthauses und korrigiert Klassenarbeiten. Da klopft es an der Tür – dreimal, langsam. Wer kann das um diese Zeit sein? … Hallo? Wer ist da? Verzeihen Sie die späte Störung. Mein Auto ist unten an der Brücke liegen geblieben, und Ihres ist das einzige Haus mit Licht. Anna zögert. Die nächsten Nachbarn wohnen zwei Kilometer entfernt, und ihr Handy hat hier oben keinen Empfang. Sie legt die Kette vor und öffnet die Tür einen Spalt breit. Vor ihr steht ein alter Mann, durchnässt vom Regen, in einem Mantel, der für dieses Wetter viel zu dünn ist. Die Brücke? Die ist doch seit Wochen gesperrt. Das habe ich leider zu spät gesehen. Ich bin fast eine Stunde zu Fuß den Berg heraufgegangen. Ich wollte zu meiner Tochter nach Hallstein. Sie erwartet mich seit zehn Uhr, und ich kann sie nicht erreichen. Hier oben hat niemand Empfang. Und das Festnetz ist seit dem Gewitter tot. Dann will ich Sie nicht länger aufhalten. Wenn Sie mir nur sagen könnten, wie weit es bis ins Dorf ist … Er dreht sich schon zum Gehen um. Anna sieht, wie seine Hände zittern, und plötzlich schämt sie sich für die Kette. Warten Sie. Bei dem Wetter gehen Sie nirgendwohin. Kommen Sie herein, ich mache Ihnen einen Tee. Sie nimmt die Kette ab. Der Mann tritt in den Flur, und das Wasser tropft von seinem Mantel auf die alten Dielen. Anna hängt den Mantel über einen Stuhl neben dem Herd. Das ist sehr freundlich. Ich heiße übrigens Lorenz. Ich war früher Lehrer, drüben in Hallstein. Lorenz? Doch nicht … Herr Lorenz, Deutsch und Geschichte? Sie haben mich in der siebten Klasse unterrichtet! Der alte Mann bleibt auf der Schwelle stehen und kneift die Augen zusammen, als müsse er ein fünfundzwanzig Jahre altes Klassenfoto scharf stellen. Anna … Anna Berger. Die mit den Aufsätzen, die immer drei Seiten zu lang waren. Und jetzt korrigiere ich selbst welche. Draußen regnet es weiter. Aber in der Küche des Forsthauses wird es in dieser Nacht noch lange nicht still.