C1.2 · Listening

Hören: Interview — stimmt / stimmt nicht / nicht gesagt

  1. Frau Dr. Keller, Sie erforschen seit fünfzehn Jahren, wie Städte mit Hitze umgehen. Was hat sich in dieser Zeit verändert? Vor zehn Jahren war Hitzeschutz ein Randthema, mit dem sich allenfalls ein paar Stadtklimatologen beschäftigt haben. Heute haben fast alle größeren Städte einen Hitzeaktionsplan, zumindest auf dem Papier. Ob er auch umgesetzt wird, ist eine andere Frage. Spielt dabei der Klimawandel eine Rolle, oder sind heiße Sommer einfach Wetter? Einzelne heiße Tage hat es immer gegeben. Neu ist, dass sich die Hitzeperioden häufen und länger andauern – und dass die Städte nachts kaum noch abkühlen. Gerade diese tropischen Nächte sind für den Körper die eigentliche Belastung. Welche Maßnahmen wirken denn am besten? Bäume, ganz eindeutig. Nichts kühlt eine Straße so zuverlässig wie ein geschlossenes Blätterdach. In unseren Messungen lag der Unterschied bei der Oberflächentemperatur bei bis zu zehn Grad. Außerdem verdunsten Bäume Wasser und kühlen so zusätzlich die Luft. Begrünte Dächer helfen auch, allerdings weniger, als oft behauptet wird – für die Menschen auf dem Gehweg bringen sie kaum etwas. Wasserflächen und Brunnen sind wirksam, aber teuer im Unterhalt. Neue Bäume brauchen aber Jahrzehnte, bis sie richtig Schatten spenden. Das ist richtig, und deshalb halte ich es für fatal, alte Bäume für Bauprojekte zu fällen. Einen gesunden Baum mit großer Krone können Sie nicht durch zehn Jungbäume ersetzen, jedenfalls nicht in den nächsten dreißig Jahren. Wie reagieren die Bürgerinnen und Bürger auf solche Pläne? Die Akzeptanz ist hoch, solange niemand seinen Parkplatz verliert. Sobald ein Baum einen Stellplatz ersetzen soll, wird es schwierig; dann gibt es Unterschriftenlisten und volle Bürgerversammlungen. Ich will nicht behaupten, dass Autofahrer das Problem sind – aber die Flächenkonkurrenz in engen Straßen ist real. Wer ist bei Hitze eigentlich am stärksten gefährdet? Ältere Menschen, die allein leben, vor allem in Dachwohnungen. Viele merken gar nicht, dass sie zu wenig trinken. Einige Städte schicken deshalb während einer Hitzewelle Ehrenamtliche zu Hausbesuchen, und die ersten Auswertungen sind ermutigend. Was raten Sie kleineren Gemeinden, die wenig Geld haben? Klein anfangen: eine Straße, zwanzig Bäume, drei Jahre lang messen. Die Daten überzeugen dann von selbst – auch den Gemeinderat. Und wer die Anwohner von Anfang an einbindet, erspart sich später viel Ärger.