C1.2 · Listening

Hören: Reportage

  1. Es ist kurz vor neun an einem grauen Samstagmorgen, und vor dem Gemeindehaus im Nordviertel stapeln sich bereits Kisten mit Gemüse, Werkzeug und gespendeten Wintermänteln. Jeden Samstag trifft sich hier eine Gruppe von rund dreißig Freiwilligen, um älteren Nachbarn beim Einkaufen zu helfen, kleine Reparaturen zu erledigen oder einfach zuzuhören. Die meisten von ihnen, so heißt es im Verein, seien selbst einmal auf Unterstützung angewiesen gewesen. Eine von ihnen ist Selin Demir, 34, Krankenpflegerin im Schichtdienst. Als ich vor fünf Jahren mit zwei kleinen Kindern hierhergezogen bin, kannte ich niemanden. Eine ältere Dame aus dem Verein hat damals für mich eingekauft, als ich krank war. Irgendwann dachte ich: Jetzt bin ich dran. Ehrlich gesagt habe ich hier mehr Freunde gefunden als in meinem ganzen Berufsleben. Und meine Kinder kennen inzwischen die halbe Nachbarschaft beim Vornamen. Geld bekommt niemand für die Arbeit; lediglich die Fahrtkosten werden erstattet. Organisiert wird alles über eine Telefonliste und einen Gruppenchat, den ein pensionierter Lehrer verwaltet. Wer mitmachen will, braucht keine Vorkenntnisse, nur ein wenig Zeit. Dass solche Initiativen mehr leisten als praktische Hilfe, bestätigt der Soziologe Dr. Jonas Hartmann, der seit Jahren zum Ehrenamt forscht. Wir sehen in unseren Befragungen sehr deutlich, dass freiwilliges Engagement nicht nur den Zusammenhalt im Viertel stärkt, sondern auch das Wohlbefinden der Engagierten selbst. Wer sich regelmäßig einbringt, fühlt sich seltener einsam, und zwar unabhängig vom Einkommen. Man sollte das allerdings nicht romantisieren: Ehrenamt kann den Sozialstaat ergänzen, aber nicht ersetzen. Gegen Mittag ist der Kleinbus zum dritten Mal beladen. Werner Kolb, 71, der die Gruppe vor elf Jahren gegründet hat, zählt die Kisten nach. Er sei stolz, sagt er, aber auch besorgt. Unsere Leute werden älter, und es kommen zu wenige Junge nach. Die Studierenden, die wir haben, sind großartig, aber nach zwei, drei Semestern ziehen viele wieder weg. Und für jeden neuen Transporter müssen wir inzwischen drei Anträge schreiben. Manchmal frage ich mich, wer das hier in zehn Jahren noch macht. Bundesweit, so Dr. Hartmann, engagierten sich zwar mehr Menschen als vor zehn Jahren, allerdings kürzer und projektbezogener. Für Gruppen wie diese, die auf Verlässlichkeit angewiesen sind, ist das ein Problem. Ob im Nordviertel auch in fünf Jahren noch jeden Samstag Kisten gepackt werden, wagt hier niemand vorherzusagen.