C1.2 · Reading
Sollen Museen ihren Eintritt abschaffen?
-
A — Dr. Lena Vogt, Kulturökonomin: Kostenloser Eintritt klingt großzügig, verschiebt aber lediglich die Kosten auf die Steuerzahler. Erfahrungen aus London zeigen, dass die Besucherzahlen zwar steigen, das Publikum jedoch dasselbe bleibt: gebildet, wohlhabend, ohnehin kulturaffin. Profitiert haben vor allem jene, die auch vorher schon gekommen sind – nur eben häufiger. Wer neue Gruppen erreichen will, muss in Vermittlung investieren, also in Führungen, Workshops und Kooperationen mit Schulen, nicht in Gratisangebote. Kostenloser Eintritt ist deshalb vor allem ein Geschenk an die Mittelschicht; neue Besuchergruppen gewinnt man nur, wenn man zu ihnen hingeht. B — Prof. Karim Aydin, Museumsdirektor: Ich habe den freien Eintritt in meinem Haus vor vier Jahren eingeführt und bereue es nicht. Die Zahl der Erstbesucher hat sich verdoppelt; vor allem Familien und Jugendliche kommen, die früher an der Kasse umgekehrt wären. Bei uns hängen inzwischen Zeichnungen von Schulklassen neben den alten Meistern, und die Kinder kommen am Wochenende mit ihren Eltern wieder. Natürlich fehlen Einnahmen. Wir gleichen sie durch Sponsoren, einen Förderverein und kostenpflichtige Sonderausstellungen aus. Ein Museum, das niemand besucht, ist auf Dauer teurer als eines, das offensteht. C — Maren Sölle, Kulturjournalistin: Die ganze Debatte lenkt vom eigentlichen Problem ab. Ob ein Museum acht Euro kostet oder nichts, ist zweitrangig; entscheidend ist, ob es etwas zu sagen hat. Viele Häuser haben ihr Publikum nicht wegen des Preises verloren, sondern weil sie langweilig geworden sind: dieselben Vitrinen, dieselben Texttafeln, seit Jahrzehnten. Ich kenne kleine Häuser mit stolzen Preisen, vor denen sich am Wochenende Schlangen bilden, und große Häuser ohne Eintritt, in denen man mit den Aufsichten allein ist. Investiert in Inhalte und in gute Ausstellungen – dann zahlen die Leute auch gern. D — Tobias Reinhardt, Kulturdezernent einer Großstadt: Ich verstehe beide Seiten, aber ein städtischer Haushalt ist kein Wunschkonzert. In unseren Museen finanzieren die Eintrittsgelder einen erheblichen Teil der Restaurierung und der Sicherheitstechnik; fielen sie weg, müssten wir an anderer Stelle kürzen, etwa bei den Bibliotheken. Sinnvoller erscheint mir ein Mittelweg: freier Eintritt am ersten Sonntag im Monat und für alle unter achtzehn, dazu eine günstige Jahreskarte. Was gar nichts kostet, wird erfahrungsgemäß auch weniger geschätzt. So erreichen wir Familien, ohne die Häuser finanziell auszuhöhlen.