C1.2 · Reading
Der Brief
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Sie hielt den Brief lange in der Hand, ohne ihn zu öffnen. Auf dem Umschlag stand nur ihr Vorname, in einer Schrift, die sie nicht wiedererkannte und doch zu kennen glaubte. Keine Adresse, kein Absender, keine Marke; jemand musste ihn selbst in den Kasten geworfen haben, irgendwann zwischen Mittag und dem Augenblick, in dem sie von der Arbeit gekommen war. Den Umschlag noch immer zwischen den Fingern haltend, trat sie ans Fenster. Unten im Hof nahm die Nachbarin Wäsche ab, Laken für Laken, mit der Sorgfalt eines Menschen, der sonst nichts mehr zu tun hat. Irgendwo im Haus schlug eine Tür. Draußen wurde es langsam dunkel. Die Dächer gegenüber verloren erst ihre Farbe, dann ihre Kanten, bis nur noch ein grauer Umriss übrig blieb, der ebenso gut ein Gebirge hätte sein können. Sie dachte an die Wohnung in der Lindenstraße, an den Geruch von Terpentin und kaltem Kaffee, an einen Satz, der damals im Streit gefallen war und den keiner von beiden je zurückgenommen hatte. Zwanzig Jahre. Man konnte in zwanzig Jahren ein Haus bauen, zwei Kinder großziehen, eine Sprache vergessen. Man konnte auch einfach nichts tun und warten, bis das Warten selbst zur Gewohnheit wurde. Irgendwann, als die Straßenlaternen angingen, riss sie den Umschlag auf. Es war nur ein einziges Blatt, eng beschrieben, ohne Anrede. Am Ende stand kein Name, nur ein Datum. Sie las langsam, dann ein zweites Mal, und die Worte fielen wie Steine ins Wasser: Sie sanken, ohne dass die Oberfläche sich beruhigen wollte, und die Kreise, die sie zogen, wurden weiter und weiter. Von der Straße heraufgeweht, drang das Lachen einiger Jugendlicher zu ihr, die an der Haltestelle auf den letzten Bus warteten. Sie hörte es kaum. Die Knie an die Brust gezogen, saß sie auf dem Fensterbrett, das Blatt auf dem Schoß, und wusste nicht, ob sie weinte oder lachte oder beides. Was sie gelesen hatte, veränderte alles – und nichts. Die Wohnung war dieselbe, die Laternen brannten wie jeden Abend, und morgen würde sie um sieben aufstehen. Und doch war der Raum ein anderer geworden, als hätte jemand über Nacht die Möbel um wenige Zentimeter verschoben. Manche Worte, dachte sie, kommen zwanzig Jahre zu spät und gerade rechtzeitig zugleich.