C2.2 · Listening

Hören: Podiumsdiskussion (Capstone)

  1. Guten Abend und herzlich willkommen zu unserer Podiumsdiskussion „Arbeit nach der Automatisierung“. Die Frage des Abends lautet: Bedroht künstliche Intelligenz unsere Arbeitsplätze? Bei mir sind der Soziologe Martin Weber, die Unternehmerin Katrin Söll und Selin Kaya, Betriebsrätin in einem großen Versicherungskonzern. Herr Weber, Sie gelten als Skeptiker. Zu Recht? Das Etikett ist mir etwas zu grob. Nicht die Technik an sich beunruhigt mich, sondern das Tempo, mit dem sie ganze Branchen umwälzt. Die Dampfmaschine hat Jahrzehnte gebraucht, um sich durchzusetzen; die Menschen konnten umlernen, und ihre Kinder konnten andere Berufe ergreifen als die Eltern. Heute verändert sich ein Berufsbild innerhalb von zwei, drei Jahren. Wer mit fünfzig Sachbearbeiter ist, hat diese Zeit schlicht nicht. Frau Söll, in Ihrem Unternehmen prüfen Programme bereits Rechnungen und beantworten Kundenanfragen. Teilen Sie diese Sorge? Ich verstehe sie, aber ich teile sie nur bedingt. Bisher hat jede technische Umwälzung am Ende mehr Arbeit geschaffen, als sie vernichtet hat – das zeigt die Geschichte ziemlich eindeutig. Ich bin also durchaus optimistisch, allerdings unter einer Bedingung: vorausgesetzt, Unternehmen und Staat investieren rechtzeitig in Weiterbildung, und zwar bevor die Stellen wegfallen, nicht erst danach. Bei uns hat niemand seinen Arbeitsplatz verloren, weil wir die Leute zwei Jahre vorher geschult haben. Da muss ich einhaken. Das klingt in einem Betrieb mit dreihundert Beschäftigten wunderbar. In unserem Konzern wurde im letzten Jahr keine einzige Kündigung ausgesprochen, aber frei werdende Stellen werden einfach nicht mehr besetzt. Die Arbeit verschwindet leise, und in keiner Statistik taucht ein Verlierer auf. Sie meinen, der Wandel ist längst da, man sieht ihn nur nicht? Genau. Und ich halte Weiterbildung nicht für ein Allheilmittel. Sie hilft nur, sofern es am Ende auch Stellen gibt, für die man sich weiterbildet. Sonst schulen wir Menschen für Arbeitsplätze, die es nicht gibt. Das ist der Punkt, auf den ich hinauswollte. Die Frage ist nicht, ob insgesamt genügend Arbeit entsteht, sondern wo und für wen. Die neuen Stellen entstehen selten dort, wo die alten verschwinden. Das bestreite ich gar nicht. Aber daraus folgt doch nicht, dass wir die Technik bremsen sollten. Daraus folgt, dass wir den Übergang besser organisieren müssen. Wir müssen hier leider zum Ende kommen. Ich halte fest: Einig sind Sie sich darin, dass es weniger um die Technik selbst geht als um den Übergang. Offen geblieben ist die Frage, wer diesen Übergang bezahlt – die Unternehmen, der Staat oder die Beschäftigten selbst. Genau darüber sprechen wir in vier Wochen, dann mit Vertretern der Arbeitsagentur und der Arbeitgeberverbände. Vielen Dank Ihnen dreien und Ihnen allen fürs Zuhören.