C2.2 · Listening
Hören: Literarische Lesung
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Der Koffer stand seit einunddreißig Jahren auf dem Kleiderschrank im Schlafzimmer, zwischen einer Hutschachtel und einem Karton mit Weihnachtsschmuck. Er war aus braunem Leder, an den Ecken abgestoßen, und am Griff hing noch der Anhänger einer Fluggesellschaft, die es längst nicht mehr gab: WIEN – MONTREAL, in einer Handschrift, die Anton kaum noch als seine eigene erkannte. Gepackt hatte er ihn im März 1993, in einer einzigen Nacht: zwei Hemden, ein Wörterbuch, die Fotografie seiner Mutter. Am Morgen darauf war der Brief der Firma gekommen, die Beförderung, das Büro im vierten Stock mit Blick auf den Kanal, und Anton hatte den Koffer auf den Schrank gehoben – nur für ein paar Wochen, wie er sich sagte, bis sich alles geklärt hätte. Es klärte sich nichts, und es musste sich auch nichts klären. Er heiratete Ruth, die Kinder kamen, die Wohnung wurde zu klein und später wieder zu groß. Zweimal zogen sie um, und zweimal trug Anton den Koffer eigenhändig die Treppe hinunter, ohne ihn zu öffnen, und stellte ihn in der neuen Wohnung wieder ganz nach oben, dorthin, wo man ihn vom Bett aus sehen konnte. Ruth fragte ein einziges Mal danach. „Das ist mein Kanada“, sagte er, und sie lachte, weil sie glaubte, er mache einen Witz. In Nächten, in denen er nicht schlafen konnte, sah er zu dem dunklen Umriss hinauf und hatte das Gefühl, der Koffer sehe zurück. Er hätte nicht sagen können, was darin eigentlich auf ihn wartete. Die Hemden passten ihm längst nicht mehr, das Wörterbuch war veraltet, und die Fotografie hatte er in all den Jahren nie vermisst. Der Koffer war kein Gepäckstück mehr, sondern eine Wetterfahne: Solange er oben stand, zeigte in Antons Leben noch etwas nach Westen. Als Ruth im vergangenen Herbst vorschlug, den Schrank auszuräumen, weil ihre Tochter ihn haben wollte, stieg Anton auf die Leiter und hob den Koffer herunter. Er war leichter, als er ihn in Erinnerung hatte. Eine Weile stand er damit im Flur wie jemand, der auf ein Taxi wartet. Dann setzte er sich auf die unterste Stufe der Leiter und öffnete die Schnallen. An diesem Nachmittag begriff er, dass er einunddreißig Jahre lang nicht eine Reise aufbewahrt hatte, sondern den Mann, der sie hätte antreten können. Nicht Kanada hatte ihn festgehalten, sondern die Vorstellung, er könne jederzeit noch ein anderer werden. Und dieser andere, begriff er, hatte nicht im Koffer gewartet. Er war die ganze Zeit neben ihm hergegangen, die Treppen hinauf und hinunter, geduldig und ein wenig vorwurfsvoll. Anton packte die Hemden aus, stellte das Wörterbuch ins Regal und die Fotografie seiner Mutter auf die Kommode. Den leeren Koffer trug er in den Keller. Den Anhänger hatte er vorher abgeschnitten.