B2.2 · Reading
Rezension: „Die lange Reise“
-
Mit „Die lange Reise“ legt die Autorin Marta Lindner ihren dritten Roman vor – und ihren bisher ehrgeizigsten. Auf fast 600 Seiten erzählt sie die Geschichte einer Familie, die im Laufe des 20. Jahrhunderts dreimal ihre Heimat verlassen muss: zuerst ein Dorf in Schlesien, dann Ost-Berlin, schließlich eine Kleinstadt im Ruhrgebiet, in der die Zeche geschlossen wird. Im Mittelpunkt steht die Großmutter Hedwig, deren Erinnerungen die drei Teile des Buches verbinden. Sprachlich ist das Buch beeindruckend. Lindner schreibt klar und ohne Pathos, selbst dort, wo sie von Verlust und Gewalt erzählt. Die ruhig erzählten Kapitel ziehen den Leser langsam in ihren Bann, und gerade die kleinen Szenen – ein Abschied am Bahnhof, ein Streit um ein Erbstück – bleiben lange im Gedächtnis. Zwar ist der Anfang langsam, aber die zweite Hälfte entschädigt dafür. Wer die ersten hundert Seiten durchhält, wird mit einer Geschichte belohnt, die immer dichter und spannender wird. Manche Kritiker bemängeln die vielen Figuren: Tatsächlich treten über vierzig Personen auf, und ohne den Stammbaum am Ende des Buches verliert man leicht den Überblick. Ich fand sie dagegen bereichernd, denn jede Figur zeigt eine andere Art, mit dem Verlust der Heimat umzugehen. Manche bemängeln auch die Länge; mir hingegen kam das Buch nie zu lang vor. Schwächer ist allenfalls das Ende, das etwas zu versöhnlich wirkt, nachdem der Roman so lange mit offenen Fragen gearbeitet hat. Insgesamt ist „Die lange Reise“ ein kluger, bewegender und sprachlich überzeugender Roman, der sehr empfehlenswert ist – vor allem für Leserinnen und Leser, die sich Zeit nehmen wollen.