C1.1 · Listening
Hören: Vortrag mit Detailfragen
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Meine Damen und Herren, ich möchte heute über ein Phänomen sprechen, das in der Forschung als Aufmerksamkeitsökonomie bezeichnet wird. Der Begriff geht auf den Ökonomen Herbert Simon zurück, der bereits 1971 feststellte, dass ein Überfluss an Information einen Mangel an Aufmerksamkeit erzeugt. Was damals eine theoretische Überlegung war, ist heute Alltag: Wir leben in einer Umgebung, die um unsere Aufmerksamkeit konkurriert – und zwar mit Mitteln, die Simon sich nicht vorstellen konnte. Drei Befunde möchte ich hervorheben. Erstens: Die durchschnittliche Zeit, die ein Erwachsener ununterbrochen an einer Aufgabe arbeitet, ist laut einer Studie der Universität Kalifornien von rund zweieinhalb Minuten im Jahr 2004 auf 47 Sekunden im Jahr 2020 gesunken. Ich wiederhole: 47 Sekunden. Danach wechseln wir das Fenster, prüfen eine Nachricht oder schauen einfach nur auf das Telefon. Zweitens: Nicht die Menge der Unterbrechungen ist entscheidend, sondern die Zeit, die wir brauchen, um zur Aufgabe zurückzukehren – im Schnitt über zwanzig Minuten. Eine kurze Unterbrechung kostet also nicht dreißig Sekunden, sondern eine halbe Stunde konzentrierter Arbeit. Drittens, und das überrascht viele: Menschen, die ihr Telefon lediglich auf den Tisch legen, ohne es zu benutzen, schneiden in Konzentrationstests messbar schlechter ab als solche, die es im Nebenraum lassen. Die bloße Anwesenheit des Geräts bindet offenbar einen Teil unserer geistigen Kapazität, weil wir ständig prüfen, ob wir es nicht doch prüfen sollten. Wie lassen sich diese Befunde erklären? Die Antwort liegt in der Belohnungsstruktur unseres Gehirns. Jede Benachrichtigung ist eine kleine, unvorhersehbare Belohnung, und unvorhersehbare Belohnungen sind – das wissen wir aus der Spielsuchtforschung – die wirksamsten überhaupt. Wir greifen zum Telefon nicht, weil wir schwach sind, sondern weil das Gerät nach einem Prinzip arbeitet, dem unser Gehirn seit Jahrtausenden folgt. Ich schließe daraus, dass es nicht genügt, Benachrichtigungen abzuschalten; die räumliche Trennung ist entscheidend. Wer konzentriert arbeiten will, muss das Telefon aus dem Raum entfernen – nicht in die Tasche stecken, nicht umdrehen, sondern entfernen. Das klingt banal, widerspricht aber der verbreiteten Annahme, Selbstdisziplin sei die Lösung. Sie ist es nicht; die Umgebung ist es. Im zweiten Teil werde ich auf Konsequenzen für die Gestaltung von Arbeitsplätzen eingehen: Wie müssen Büros aussehen, in denen konzentrierte Arbeit möglich bleibt, und welche Regeln haben sich in Unternehmen bewährt, die das Problem ernst nehmen? Zuvor aber eine kurze Pause von zehn Minuten – lassen Sie Ihr Telefon ruhig hier liegen.