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Über die Langeweile

  1. Langeweile gilt heute als etwas, das es um jeden Preis zu vermeiden gilt. Kaum entsteht eine freie Minute, greifen wir zum Smartphone. An der Bushaltestelle, im Wartezimmer, in der Schlange vor der Kasse: Nirgends muss man mehr aushalten, dass nichts geschieht. Die Geräte in unseren Taschen versprechen, jede Lücke im Tag zu füllen, und wir nehmen das Versprechen dankbar an. Eltern kaufen ihren Kindern Tablets, damit die Autofahrt nicht langweilig wird; Erwachsene hören Podcasts beim Zähneputzen. Wer heute sagt, er habe sich am Wochenende gelangweilt, gesteht beinahe ein Versagen ein. Dabei wird oft übersehen, dass gerade die Langeweile eine wichtige Funktion erfüllt. Sie schafft Raum für eigene Gedanken und für Kreativität. Psychologen sprechen vom „Leerlauf“ des Gehirns – jenem Zustand, in dem wir scheinbar nichts tun und in dem doch Erinnerungen sortiert, Probleme gedreht und Pläne geschmiedet werden. Die meisten Menschen kennen die Erfahrung, dass ihnen die Lösung eines Problems unter der Dusche oder auf einem Spaziergang einfällt, nicht am Schreibtisch. Das ist kein Zufall. Der Einfall braucht die Leere, in die er fallen kann. Wer sich nie langweilt, lässt seinem Geist keine Gelegenheit, neue Ideen zu entwickeln. Er ist ständig beschäftigt, aber selten bei sich. Die Aufmerksamkeit wandert von einer Nachricht zur nächsten, ohne irgendwo zu verweilen; am Ende des Tages hat man tausend Dinge gesehen und keines gedacht. Kinder, die jede Wartezeit mit einem Bildschirm überbrücken, lernen nicht, sich selbst zu beschäftigen – eine Fähigkeit, die im Erwachsenenleben unentbehrlich ist. Man wird einwenden, dass Langeweile auch quälend sein kann: die endlose Sitzung, die leere Nachmittagsstunde im Altenheim. Das ist richtig, und niemand plädiert dafür, Menschen der Ödnis auszuliefern. Der Unterschied liegt zwischen der Langeweile, die uns aufgezwungen wird, und jener, die wir uns gönnen. Die erste macht stumpf; die zweite macht frei. Wir fliehen vor der Stille. Dabei ist sie es, die uns denken lässt. Vielleicht wäre es klug, die Langeweile nicht als Feind, sondern als Quelle zu begreifen – und ihr täglich eine halbe Stunde einzuräumen, ohne Gerät, ohne Programm, ohne Ziel. Nicht als Wellness-Übung, sondern als Bedingung dafür, dass uns überhaupt noch etwas einfällt. Gönnen wir uns die Leere. Sie ist voller, als wir denken.