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Aufmerksamkeit als Währung

  1. Aufmerksamkeit ist zur knappsten Ressource unserer Zeit geworden. Wer sie besitzt, hat Macht; wer sie verliert, verschwindet. [1] ___ Die Plattformen haben daraus ein Geschäftsmodell gemacht: Jede Minute, die wir auf ihren Seiten verbringen, wird gemessen, verkauft und optimiert. Nicht wir sind die Kunden, sondern die Werbetreibenden; wir sind die Ware. [2] ___ Die Folgen sind inzwischen gut dokumentiert. Studien zeigen, dass die durchschnittliche Zeit, die ein Erwachsener ununterbrochen an einer Aufgabe arbeitet, in den letzten zwanzig Jahren dramatisch gesunken ist. Lehrkräfte berichten, dass Jugendliche längere Texte kaum noch zu Ende lesen. [3] ___ Man könnte einwenden, dass niemand gezwungen werde, ständig auf sein Telefon zu schauen. Jeder Mensch, so das Argument, sei für sein Verhalten selbst verantwortlich; wer sich ablenken lasse, habe eben zu wenig Disziplin. [4] ___ Freilich ist dieser Einwand nur auf den ersten Blick überzeugend. Die Werkzeuge, mit denen unsere Aufmerksamkeit gelenkt wird, sind von Psychologen entworfen und an Millionen getestet. Jede Farbe, jede Vibration, jeder unendlich weiterlaufende Bildlauf wurde daraufhin optimiert, dass wir bleiben. [5] ___ Gegen eine solche Übermacht hilft kein guter Vorsatz. Es geht mithin nicht um Willensstärke, sondern um Regeln – so wie beim Tabak oder beim Glücksspiel. Auch dort hat man lange auf die Vernunft des Einzelnen gesetzt, bevor man einsah, dass sie allein nicht genügt. Was wären solche Regeln? Einige Länder haben begonnen, Handys aus den Klassenzimmern zu verbannen; erste Auswertungen deuten auf bessere Leistungen und weniger Konflikte hin. Andere diskutieren ein Verbot des automatischen Weiterlaufens von Videos oder eine Altersgrenze für soziale Netzwerke. [6] ___ Sie greifen in einen Markt ein, der bisher fast unreguliert war, und sie verlangen von Unternehmen, auf Gewinn zu verzichten. Gleichwohl bleibt die Frage, wer diese Regeln setzen soll – der Staat, die Plattformen selbst oder eine internationale Behörde, die es noch nicht gibt. Jede dieser Antworten hat Nachteile: Der Staat ist langsam, die Plattformen sind Partei, und eine internationale Behörde müsste erst mühsam ausgehandelt werden. Am Ende steht eine einfache Beobachtung. Eine Gesellschaft, die ihre Aufmerksamkeit nicht mehr selbst bestimmt, kann auch über nichts anderes mehr frei entscheiden. [7] ___ Ob wir das wollen, ist keine technische, sondern eine politische Frage – und sie duldet keinen Aufschub.