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Warum wir Musik mögen

  1. Warum berührt uns Musik so stark? Ein Lied von drei Minuten kann eine Erinnerung wecken, die zwanzig Jahre zurückliegt, kann Gänsehaut erzeugen oder Tränen – und das bei Menschen, die von Harmonielehre keine Ahnung haben. Die Neurowissenschaft versucht seit etwa zwei Jahrzehnten, diesem Phänomen mit bildgebenden Verfahren auf die Spur zu kommen, und einige ihrer Befunde sind inzwischen gut belegt, andere bleiben Vermutung. Musik aktiviert nicht ein einzelnes „Musikzentrum“, sondern ein Netzwerk. Forscher vermuten, dass Musik mehrere Bereiche des Gehirns gleichzeitig aktiviert, unter anderem jene, die für Bewegung, für Sprache und für Emotionen zuständig sind. Dass die Hörrinde beteiligt ist, überrascht niemanden; bemerkenswert ist vielmehr, dass auch motorische Areale anspringen, selbst wenn die Versuchsperson still liegt. Das erklärt, weshalb wir bei einem Rhythmus fast unwillkürlich mit dem Fuß wippen. Interessanterweise schüttet das Gehirn dabei Dopamin aus – ähnlich wie beim Essen einer Lieblingsspeise. Dieser Botenstoff gehört zum Belohnungssystem, das auch auf Nahrung, Geld oder soziale Anerkennung reagiert. Eine kanadische Arbeitsgruppe konnte zeigen, dass die Ausschüttung nicht erst im Moment des musikalischen Höhepunkts einsetzt, sondern bereits einige Sekunden davor: Das Gehirn belohnt offenbar die Erwartung. Wer ein Stück kennt, freut sich auf die Stelle, die gleich kommt – und genau diese Vorfreude scheint ein wesentlicher Teil des Vergnügens zu sein. Erstaunlicherweise zeigt sich der Effekt auch bei Menschen, die nie ein Instrument gelernt haben. Musikalische Ausbildung verstärkt zwar die Reaktion, ist aber keine Voraussetzung dafür. Das spricht gegen die Annahme, das Vergnügen an Musik sei vor allem ein gelerntes, kulturelles Phänomen. Ganz ohne Kultur geht es freilich nicht: Welche Klänge als angenehm empfunden werden, unterscheidet sich zwischen Gesellschaften deutlich. Aus diesen Befunden ergeben sich praktische Anwendungen. Musik wird in der Schmerztherapie eingesetzt, weil sie die Aufmerksamkeit bindet; in der Rehabilitation nach Schlaganfällen, weil Rhythmus die Bewegungsplanung unterstützt; in der Demenzpflege, weil vertraute Lieder Erinnerungen erreichen, die sprachlich nicht mehr zugänglich sind. Vermutlich wird dieses Feld in den nächsten Jahren wachsen. Allerdings ist Vorsicht geboten. Die meisten Studien arbeiten mit kleinen Gruppen und mit westlicher Musik; ob sich ihre Ergebnisse verallgemeinern lassen, ist offen. Und dass Musik Dopamin freisetzt, sagt noch nichts darüber, warum gerade ein bestimmtes Lied einen bestimmten Menschen zu Tränen rührt. Die Forschung steht hier allerdings erst am Anfang – und die Musik ist ihr, wie so oft, ein gutes Stück voraus.