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Kolumne: Die Kunst des Wartens

  1. Wann haben Sie zuletzt eine Stunde lang nichts getan, ohne zum Handy zu greifen? Eben. Ich auch nicht. Wir leben in einer Zeit, in der ständige Erreichbarkeit als selbstverständlich gilt – im Beruf ebenso wie im Freundeskreis. Wer nicht innerhalb weniger Minuten antwortet, gilt schnell als unhöflich, wenn nicht gar als unzuverlässig. Die beiden blauen Häkchen neben einer Nachricht sind zu einer Art Quittung geworden: Gelesen, aber nicht beantwortet – das nimmt man uns inzwischen übler als einen vergessenen Geburtstag. Neulich saß ich mit einer Freundin im Café. Dreimal unterbrach sie unser Gespräch, um ihrem Chef zu antworten, obwohl es Samstagnachmittag war. „Sonst denkt er, ich sei nicht engagiert“, sagte sie entschuldigend. Ich habe nichts erwidert, denn ich hätte es an ihrer Stelle vermutlich genauso gemacht. Genau das ist der Punkt: Niemand hat diese Regel je beschlossen, und doch halten sich fast alle daran. Die Erwartung, sofort zu reagieren, hat sich eingeschlichen wie eine schlechte Angewohnheit, und kaum jemand wagt, sie offen infrage zu stellen. Man kann einwenden, dass die schnelle Antwort Abläufe beschleunigt und Missverständnisse vermeidet. Das stimmt, zumindest manchmal. Doch ich frage mich, ob wir dabei nicht etwas Wichtiges verlieren. Wer ständig auf das nächste Signal wartet, ist nie ganz bei der Sache, die er gerade tut, und auch nie ganz bei dem Menschen, der ihm gegenübersitzt. Psychologen sprechen von fragmentierter Aufmerksamkeit; ich nenne es schlicht Zerstreuung. Und Zerstreuung ist anstrengend: Wer abends erschöpft ist, obwohl er scheinbar nichts Besonderes getan hat, weiß, wovon ich spreche. Ich plädiere nicht dafür, das Handy in die Schublade zu verbannen. Das wäre weltfremd, und es würde auch nichts ändern. Aber wie wäre es, wenn wir die Kunst des Wartens neu erlernten? Wenn wir uns zugestünden, eine Nachricht erst am Abend zu beantworten, und anderen dasselbe Recht einräumten? Einige Unternehmen stellen ihre Mailserver nach Feierabend inzwischen ab. Das ist ein Anfang, aber keine Lösung, solange wir privat dieselbe Hektik pflegen. Denn nicht jede Nachricht muss in derselben Minute beantwortet werden, in der sie eintrifft. Die meisten vertragen ein paar Stunden Aufschub erstaunlich gut. Probieren Sie es aus. Die Welt geht davon nicht unter. Und wer weiß: Vielleicht antworten Ihnen die anderen dann auch ein wenig später – und dafür ein wenig überlegter.