C2.1 · Listening

Hören: Feature

  1. Wer glaubt, eine Großstadt schlafe nie, der irrt. Es gibt diesen einen Moment, kurz vor der Morgendämmerung, in dem selbst die rastlose Metropole den Atem anzuhalten scheint. Ich habe ihn gesucht, drei Nächte lang, zwischen Hauptbahnhof und Hafen, und in der vierten habe ich ihn gefunden. Es ist kurz nach vier. Die letzten Nachtschwärmer sind verschwunden, die ersten Frühschichtler noch nicht unterwegs. Auf der Brücke über den Kanal steht niemand außer mir. Die Ampeln schalten von Rot auf Grün und wieder zurück, gewissenhaft wie Beamte, denen niemand gesagt hat, dass keiner mehr kommt. Die Stille liegt wie ein Tuch über den Straßen, und doch ist sie nicht leer. Irgendwo summt ein Kühlaggregat, eine Taube scharrt auf einem Fenstersims, aus einem Gully steigt warmer Dampf. Die Häuser haben ihre Augen geschlossen. Nur hier und da brennt noch ein Fenster – ein Student vor der Prüfung vielleicht, eine Pflegerin, die gerade heimgekommen ist, ein alter Mann, der nicht mehr schlafen kann. Jedes dieser Lichter ist eine kleine Insel in einem Meer aus Dunkelheit, und für einen Augenblick kommt es mir vor, als wären sie die eigentlichen Wächter der Stadt. Frau Demir, die seit neunzehn Jahren nachts Taxi fährt, kennt diese Stunde gut. Sie nennt sie „die Pause“. Um diese Zeit, sagt sie, gehöre die Stadt niemandem, nicht den Feiernden und nicht den Arbeitenden. Man könne dann hören, wie das Pflaster abkühlt. Sie lacht, als sie das sagt, als sei es ihr peinlich, so etwas auszusprechen. Aber sie meint es ernst. Früher, erzählt sie, habe sie in dieser Stunde oft angehalten und einfach die Scheiben heruntergelassen. Heute tue sie das seltener, die Nächte seien kürzer geworden, die Schichten länger. Die Pause dauert nicht lange. Gegen halb fünf rumpelt die erste Straßenbahn aus dem Depot, noch fast leer, hell erleuchtet wie ein Aquarium auf Schienen. Ein Lieferwagen hält vor der Bäckerei an der Ecke, Kisten werden abgeladen, eine Tür schlägt zu. Im Osten färbt sich der Himmel über den Kränen des Hafens erst grau, dann blassrosa. Die Stadt atmet wieder aus. Man merkt es an Kleinigkeiten. Die ersten Jogger ziehen ihre Runden am Kanal, in einem Hinterhof wird ein Rollladen hochgezogen, und aus einem gekippten Fenster dringt das Klappern von Geschirr. Niemand scheint zu bemerken, dass gerade etwas zu Ende gegangen ist. Ich gehe zurück zur Haltestelle. Neben mir wartet ein Mann in orangefarbener Arbeitsjacke, er gähnt und schaut auf sein Telefon. Er hat keinen Blick für den Himmel, und warum sollte er auch? Für ihn ist das kein besonderer Moment, sondern ein ganz gewöhnlicher Dienstag. Die Bahn kommt, wir steigen ein, und die Stadt ist wieder das, was sie die meiste Zeit ist – laut, eilig und ein wenig gleichgültig. Vielleicht muss man sie genau so lieben.