C2.1 · Listening
Hören: Satire
-
Meine Damen und Herren, liebe Hörerinnen und Hörer, heute darf ich Ihnen eine Erfolgsgeschichte erzählen. Unsere Stadt ist digital. Nicht ein bisschen digital, nicht auf dem Weg dorthin, sondern vollumfänglich, nachhaltig und bürgernah digital. So jedenfalls steht es auf dem Plakat am Rathaus, das man wegen der Baustelle davor leider nur mit dem Fernglas lesen kann. Seit dem ersten März gibt es das neue Bürgerportal „Stadt direkt“. Wer einen Termin beim Bürgeramt braucht, muss nicht mehr stundenlang in der Warteschlange stehen. Er kann jetzt stundenlang vor dem Bildschirm sitzen. Das ist ein Fortschritt, den man nicht unterschätzen sollte: Der Rücken dankt es einem, der eigene Stuhl ist bequemer als der Flur im zweiten Stock. Die Anmeldung ist denkbar einfach. Man legt ein Nutzerkonto an, bestätigt seine E-Mail-Adresse und wählt ein Passwort mit mindestens zwölf Zeichen, einer Zahl, einem Sonderzeichen und, wie ich vermute, einer Blutprobe. Anschließend erhält man einen Aktivierungscode. Per Post. Innerhalb von zehn Werktagen. Wer den Brief erhalten hat, gibt den Code im Portal ein und ist damit, ich zitiere die Pressemitteilung, „medienbruchfrei in der digitalen Verwaltung angekommen“. Medienbruchfrei, das ist ein schönes Wort. Es bedeutet, dass man zwischen Papier und Bildschirm nicht mehr hin- und herwechseln muss. Man wechselt nur noch einmal hin und einmal her. Und dann noch einmal, wenn man einen neuen Personalausweis beantragt: Den Antrag kann man nämlich vollständig online ausfüllen, ausdrucken, unterschreiben und persönlich im Bürgeramt abgeben. Einen Termin dafür bekommt man selbstverständlich über das Portal. Nun gibt es Nörgler, die behaupten, früher sei es schneller gegangen. Diesen Menschen möchte ich entgegenhalten: Früher wusste niemand, wie lange er warten würde. Heute zeigt das Portal es auf die Minute genau an. Der nächste freie Termin liegt im Februar. Aber man weiß es. Das nennt man Transparenz. Auch intern hat sich viel getan. Die Stadt hat drei neue Stellen geschaffen, um die Beschwerden über das Portal zu bearbeiten. Die Beschwerden gehen, konsequent digital, über ein Online-Formular ein, werden dann ausgedruckt und in der Poststelle abgeheftet. Man will ja nichts verlieren. Die Kosten des Projekts, rund vier Millionen Euro, seien gut angelegt, sagt der zuständige Dezernent. Immerhin habe man eine Auszeichnung erhalten: den Preis für die innovativste Verwaltungsdigitalisierung des Landes. Verliehen wurde er bei einer feierlichen Gala. Die Einladung kam per Fax. Ich will nicht ungerecht sein. Das Portal funktioniert. Es funktioniert sogar ausgezeichnet, montags bis freitags von acht bis sechzehn Uhr, außer an Feiertagen und während der Wartungsarbeiten. Die werden rechtzeitig angekündigt, auf der Startseite, die während der Wartung leider nicht erreichbar ist. Und so sitze ich also hier, meine Damen und Herren, digital angekommen, und warte auf meinen Aktivierungscode. Der Briefträger war heute schon da. Er hat mir einen Zettel hinterlassen: Ich möge das Einschreiben bitte persönlich in der Filiale abholen. Termine nur nach Online-Vereinbarung.