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Die Rückkehr der Langsamkeit

  1. Inmitten einer Gesellschaft, die Geschwindigkeit zum Maß aller Dinge erhoben hat, formiert sich leiser Widerstand. Man begegnet ihm an unerwarteten Orten, sei es in Kochkursen, in denen ein Brotteig drei Tage ruhen darf, sei es auf Bahnsteigen, wo Reisende bewusst den Nachtzug nach Rom nehmen statt des Flugzeugs, sei es in Buchhandlungen, deren Ratgeber zur Entschleunigung inzwischen ganze Regalwände füllen. Was vor zwanzig Jahren noch als Rückzug einiger Aussteiger galt, ist heute in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Zeitsoziologin Karin Wendt hält das nicht für eine Laune. Immer mehr Menschen, so Wendt, hätten den Wert der Langsamkeit neu entdeckt. Viele ihrer Gesprächspartner empfänden den verlangsamten Alltag nicht als Verzicht, sondern als zurückgewonnene Souveränität. Die Beschleunigung sei an eine Grenze gestoßen, jenseits derer sie keinen Gewinn mehr bringe, sondern nur noch Erschöpfung erzeuge. Wer ständig erreichbar sein müsse, verliere das Gefühl dafür, wann etwas abgeschlossen sei. Die neue Langsamkeit sei daher weniger Nostalgie als Notwehr. Der Ökonom Thomas Berger widerspricht. Er hält die Bewegung für ein Phänomen der Wohlhabenden. Wer sich einen Nachtzug nach Rom leisten könne, habe in der Regel auch die Zeit dafür; die Pflegekraft im Schichtdienst dagegen werde vom Lob der Muße kaum erreicht. Langsamkeit, so Berger, lasse sich nur deshalb so gut verkaufen, weil sie knapp geworden sei. Die Nachfrage nach Entschleunigungsangeboten, rechnet er vor, sei in den vergangenen zehn Jahren um ein Vielfaches gestiegen, und zwar vor allem in Haushalten mit hohem Einkommen. Wer dagegen zwei Jobs habe, für den bleibe Muße ein Fremdwort. Beide haben recht, und gerade darin liegt das Interessante. Was zunächst wie eine nostalgische Marotte anmutet, könnte sich als notwendige Korrektur erweisen. Denn wer ständig beschleunigt, läuft Gefahr, das Ziel aus den Augen zu verlieren, für das die Eile überhaupt erst betrieben wurde. Zugleich ist unübersehbar, dass die Entschleunigung längst selbst zur Ware geworden ist. Es gibt Apps, die im Minutentakt zum Innehalten mahnen, und Wochenendseminare, die für drei Tage Stille einen stolzen Preis verlangen. Die Ruhe, die man sich dort erkauft, wird nicht selten mit derselben Gründlichkeit geplant wie ein Geschäftstermin. Man muss darin keinen Widerspruch sehen. Auch eine Bewegung, die den Zeitdruck kritisiert, entkommt nicht dem Markt, der ihn erzeugt. Entscheidend ist, ob sie Spielräume öffnet oder bloß ein weiteres Pensum hinzufügt, das es effizient abzuarbeiten gilt. Ob der Trend mehr ist als eine Mode der Wohlhabenden, wird sich erst zeigen – gemächlich, versteht sich. Eines aber lässt sich schon heute sagen: Wer die Langsamkeit zur Pflicht macht, hat sie bereits verloren.