Wer spricht, die Quelle oder der Autor? Lies ein Feuilleton über die Langsamkeit und lass dir die Antwort von den Verbformen geben.
1Quelle oder Autor? Schau auf die Verbform
2Der Autor sichert sich mit könnte ab
3Die Mittel des Feuilletons
Why this matters
Ein Feuilletonartikel von etwa 410 Wörtern über die Wiederentdeckung der Langsamkeit. Er hat eine klare Architektur: eine gehobene Eröffnung mit einem dreifachen sei es … sei es … sei es; zwei Fachleute, die uneins sind, beide im Konjunktiv I wiedergegeben, der Verbform der indirekten Rede (die Soziologin Karin Wendt: Die neue Langsamkeit sei daher weniger Nostalgie als Notwehr.; der Ökonom Thomas Berger: Langsamkeit, so Berger, lasse sich nur deshalb so gut verkaufen, weil sie knapp geworden sei.); dann das eigene Urteil des Autors im Indikativ (Beide haben recht, und gerade darin liegt das Interessante.), eine ironische Nebenbemerkung (gemächlich, versteht sich) und eine Warnung zum Schluss. Die Fragen wollen wissen, was jede Quelle behauptet, wie der Autor sie gewichtet und was das Ende bedeutet. Sortier also zuerst jeden Satz nach der Stimme: Konjunktiv = eine Quelle, Indikativ = der Autor.
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Quelle oder Autor? Schau auf die Verbform
Die Presse gibt die Behauptungen einer Quelle im Konjunktiv I wieder, und das können nur Formen anzeigen, die sich vom Indikativ unterscheiden: sei, habe, könne, werde, lasse, bringe, erzeuge, verliere. Wo der Konjunktiv I mit dem Indikativ identisch ist, wie beim Plural haben, springt der Konjunktiv II hätten ein. Alles im schlichten Indikativ spricht der Autor. Eine Form eines schwachen Verbs wie entdeckten hülfe nicht: Sie sieht genau wie das Präteritum aus, deshalb schreibt der Artikel hätten … neu entdeckt.
die Quelle (Konjunktiv I)
der Autor (Indikativ + könnte)
Langsamkeit sei ein Luxus, heißt es.
⇄
Vielleicht könnte sie aber eine Notwendigkeit sein.
Immer mehr Menschen, so Wendt, hätten den Wert der Langsamkeit neu entdeckt.More and more people, according to Wendt, have rediscovered the value of slowness.
Wer sich einen Nachtzug nach Rom leisten könne, habe in der Regel auch die Zeit dafür; die Pflegekraft im Schichtdienst dagegen werde vom Lob der Muße kaum erreicht.Whoever can afford a night train to Rome generally also has the time for it; the care worker on shifts, by contrast, is hardly reached by the praise of leisure.
Beide haben recht, und gerade darin liegt das Interessante.Both are right, and that is precisely what is interesting.
Die rahmenden Verben stehen im Indikativ (Er hält die Bewegung für …, widerspricht): Sie berichten, dass jemand spricht; was er sagt, folgt im Konjunktiv.
Quick check
„Die Mieten, so der Ökonom, seien stark gestiegen. Die Stadt hat inzwischen reagiert.“ Wer sagt, dass die Stadt reagiert hat?
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Der Autor sichert sich mit könnte ab
Der eine Konjunktiv II in der Stimme des Autors ist eine Absicherung, keine Wiedergabe: könnte sich als … erweisen trägt ein vorsichtiges Urteil vor. Lies es zusammen mit dem Indikativsatz danach, der den Vorbehalt ergänzt.
Was zunächst wie eine nostalgische Marotte anmutet, könnte sich als notwendige Korrektur erweisen.What at first seems like a nostalgic quirk could prove to be a necessary correction.
Zugleich ist unübersehbar, dass die Entschleunigung längst selbst zur Ware geworden ist.At the same time it is impossible to overlook that slowing down has long since become a commodity itself.
„Marotte“ ist nur der erste Anschein (zunächst … anmutet), nicht das Urteil des Autors.
Quick check
In der eigenen Stimme des Autors: „Das Projekt könnte sich als Fehlschlag erweisen.“ Was leistet könnte?
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Die Mittel des Feuilletons
zum Maß aller Dinge erheben (zum höchsten Maßstab machen, ein Echo auf Protagoras), das dreifache sei es … sei es … sei es (ob nun …, ob nun …), die ironische Nebenbemerkung und ein Schlusssatz, der das Thema gegen sich selbst wendet. Fragen zum Ende beantwortest du allein aus dem letzten Satz.
Ob der Trend mehr ist als eine Mode der Wohlhabenden, wird sich erst zeigen – gemächlich, versteht sich.Whether the trend is more than a fashion of the affluent remains to be seen – at a leisurely pace, of course.
Wer die Langsamkeit zur Pflicht macht, hat sie bereits verloren.Whoever makes slowness a duty has already lost it.
sei es … sei es ist eine feste Formel zum Aufzählen von Beispielen; sie zeigt keine indirekte Rede an.
Quick check
„Viele suchen die Stille, sei es im Kloster, sei es im Wald.“ Was leistet sei es … sei es hier?
Konjunktiv I (sei, habe, könne, werde, lasse) oder hätten = eine Quelle; Indikativ = der Autor.
Ein Konjunktiv II eines schwachen Verbs wie entdeckten sieht aus wie das Präteritum und zeigt nichts an.
könnte sich als … erweisen = die Absicherung des Autors; der letzte Satz = die Warnung.
sei es … sei es; zum Maß aller Dinge erheben; weniger A als B.
Lange Meinungstexte mit mehreren wiedergegebenen Quellen sind ein Lesetext der C2-Prüfung, und das Feuilleton jeder anspruchsvollen deutschen Wochenendzeitung.
Die Rückkehr der Langsamkeit
Inmitten einer Gesellschaft, die Geschwindigkeit zum Maß aller Dinge erhoben hat, formiert sich leiser Widerstand. Man begegnet ihm an unerwarteten Orten, sei es in Kochkursen, in denen ein Brotteig drei Tage ruhen darf, sei es auf Bahnsteigen, wo Reisende bewusst den Nachtzug nach Rom nehmen statt des Flugzeugs, sei es in Buchhandlungen, deren Ratgeber zur Entschleunigung inzwischen ganze Regalwände füllen.
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Die Rückkehr der Langsamkeit
Was vor zwanzig Jahren noch als Rückzug einiger Aussteiger galt, ist heute in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
Die Zeitsoziologin Karin Wendt hält das nicht für eine Laune. Immer mehr Menschen, so Wendt, hätten den Wert der Langsamkeit neu entdeckt. Viele ihrer Gesprächspartner empfänden den verlangsamten Alltag nicht als Verzicht, sondern als zurückgewonnene Souveränität. Die Beschleunigung sei an eine Grenze gestoßen, jenseits derer sie keinen Gewinn mehr bringe, sondern nur noch Erschöpfung erzeuge.
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Die Rückkehr der Langsamkeit
Wer ständig erreichbar sein müsse, verliere das Gefühl dafür, wann etwas abgeschlossen sei. Die neue Langsamkeit sei daher weniger Nostalgie als Notwehr.
Der Ökonom Thomas Berger widerspricht. Er hält die Bewegung für ein Phänomen der Wohlhabenden. Wer sich einen Nachtzug nach Rom leisten könne, habe in der Regel auch die Zeit dafür; die Pflegekraft im Schichtdienst dagegen werde vom Lob der Muße kaum erreicht. Langsamkeit, so Berger, lasse sich nur deshalb so gut verkaufen, weil sie knapp geworden sei.
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Die Rückkehr der Langsamkeit
Die Nachfrage nach Entschleunigungsangeboten, rechnet er vor, sei in den vergangenen zehn Jahren um ein Vielfaches gestiegen, und zwar vor allem in Haushalten mit hohem Einkommen. Wer dagegen zwei Jobs habe, für den bleibe Muße ein Fremdwort.
Beide haben recht, und gerade darin liegt das Interessante. Was zunächst wie eine nostalgische Marotte anmutet, könnte sich als notwendige Korrektur erweisen.
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Die Rückkehr der Langsamkeit
Denn wer ständig beschleunigt, läuft Gefahr, das Ziel aus den Augen zu verlieren, für das die Eile überhaupt erst betrieben wurde. Zugleich ist unübersehbar, dass die Entschleunigung längst selbst zur Ware geworden ist. Es gibt Apps, die im Minutentakt zum Innehalten mahnen, und Wochenendseminare, die für drei Tage Stille einen stolzen Preis verlangen. Die Ruhe, die man sich dort erkauft, wird nicht selten mit derselben Gründlichkeit geplant wie ein Geschäftstermin.
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Die Rückkehr der Langsamkeit
Man muss darin keinen Widerspruch sehen. Auch eine Bewegung, die den Zeitdruck kritisiert, entkommt nicht dem Markt, der ihn erzeugt. Entscheidend ist, ob sie Spielräume öffnet oder bloß ein weiteres Pensum hinzufügt, das es effizient abzuarbeiten gilt. Ob der Trend mehr ist als eine Mode der Wohlhabenden, wird sich erst zeigen – gemächlich, versteht sich. Eines aber lässt sich schon heute sagen: Wer die Langsamkeit zur Pflicht macht, hat sie bereits verloren.
Question 1 of 8
Woran zeigt sich laut dem ersten Absatz der leise Widerstand, von dem der Text spricht?
According to the first paragraph, how does the “quiet resistance” show itself?
Question 2 of 8
Welche These vertritt Karin Wendt?
Which thesis does Karin Wendt put forward?
Question 3 of 8
Was meint Wendt mit der Formulierung „weniger Nostalgie als Notwehr“?
What does Wendt mean by the phrase “less nostalgia than self-defence”?
Question 4 of 8
Worin besteht Bergers Einwand?
What is Berger’s objection?
Question 5 of 8
Woran erkennt man im Text, wo der Autor selbst urteilt?
How can you tell in the text where the author is giving his own judgement?
Question 6 of 8
Wie beurteilt der Autor die Bewegung im vierten Absatz?
How does the author judge the movement in the fourth paragraph?
Question 7 of 8
Welche Funktion hat der Einschub „gemächlich, versteht sich“?
What is the function of the aside “at a leisurely pace, of course”?
Question 8 of 8
Worauf läuft der Schlusssatz hinaus?
What does the final sentence amount to?
0 of 8 answered
Unanswered questions count as wrong.
Translation
In the midst of a society that has elevated speed to the measure of all things, a quiet resistance is forming. You come across it in unexpected places, be it in cookery courses in which a bread dough is allowed to rest for three days, be it on station platforms where travellers deliberately take the night train to Rome instead of the plane, be it in bookshops whose guides to slowing down now fill entire walls of shelves. What twenty years ago was still regarded as the retreat of a few dropouts has today arrived in the mainstream of society.
The sociologist of time Karin Wendt does not consider this a whim. More and more people, according to Wendt, have rediscovered the value of slowness. Many of the people she interviewed experience a slower everyday life not as a sacrifice but as regained autonomy. Acceleration has reached a limit beyond which it no longer brings any gain but only produces exhaustion. Whoever has to be reachable all the time loses the sense of when something is finished. The new slowness is therefore less nostalgia than self-defence.
The economist Thomas Berger disagrees. He considers the movement a phenomenon of the affluent. Whoever can afford a night train to Rome generally also has the time for it; the care worker on shifts, by contrast, is hardly reached by the praise of leisure. Slowness, according to Berger, only sells so well because it has become scarce. Demand for slowing-down offers, he calculates, has multiplied over the past ten years, above all in high-income households. For someone who has two jobs, by contrast, leisure remains a foreign concept.
Both are right, and that is precisely what is interesting. What at first seems like a nostalgic quirk could prove to be a necessary correction. For whoever constantly accelerates risks losing sight of the very goal for which the haste was pursued in the first place. At the same time it is impossible to overlook that slowing down has long since become a commodity itself. There are apps that remind you every minute to pause, and weekend seminars that charge a hefty price for three days of silence. The calm that people buy there is not infrequently planned with the same thoroughness as a business appointment.
There is no need to see a contradiction in this. Even a movement that criticises time pressure does not escape the market that creates it. What matters is whether it opens up room to breathe or merely adds another workload to be got through efficiently. Whether the trend is more than a fashion of the affluent remains to be seen – at a leisurely pace, of course. But one thing can already be said today: whoever makes slowness a duty has already lost it.
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