C2.1 · Reading
Kurzgeschichte: Die blaue Tasse
-
Das Wasser kochte schon, als das Telefon klingelte. Brenner ließ es klingeln. Er wusste, dass es Katrin war. Sie rief jeden Dienstag um halb acht an, seit der Beerdigung, und jeden Dienstag fragte sie dasselbe. Er nahm zwei Tassen aus dem Schrank. Die weiße mit dem Sprung am Henkel stellte er neben die Kaffeemaschine, die blaue, aus der Ruth immer getrunken hatte, daneben. Dann blieb er stehen, die Hand noch an der Schranktür. Er stellte die blaue Tasse nicht zurück. Er hatte sie in all den Monaten nie zurückgestellt. Das Telefon verstummte. Nach einer Minute klingelte es wieder. Er ließ es noch dreimal läuten, dann nahm er ab. „Papa, ich bin’s. Hast du dir die Wohnung angesehen?“ „Welche Wohnung?“ „Die in der Lindenstraße. Zwei Zimmer, Aufzug, Balkon. Ich hab dir doch den Zettel hingelegt.“ Der Zettel lag auf dem Küchentisch, unter der Zuckerdose. Er hatte ihn gelesen. Zwei Zimmer, dachte er, das reicht für einen. Er sagte: „Ich schau sie mir an.“ „Das sagst du seit März.“ „Dann stimmt es ja seit März.“ Katrin lachte nicht. Er hörte, wie sie Luft holte und es sich dann anders überlegte. Sie redete vom Treppenhaus, von seinem Knie, vom Winter. Er sagte ja und nein und wieder ja, jeweils an den richtigen Stellen. Er hörte zu und sah dabei aus dem Fenster auf den Hof, wo der Nachbar die Mülltonnen an die Straße rollte, eine nach der anderen, wie jeden Dienstag. Als er aufgelegt hatte, goss er den Kaffee ein. Nur in die weiße Tasse. Die blaue blieb leer, wie sie jeden Morgen leer blieb, und er trug sie trotzdem mit zum Tisch und stellte sie auf den Platz am Fenster. Dort hatte Ruth gesessen, vierzig Jahre lang, weil sie morgens Licht brauche, wie sie sagte, und weil sie sehen wollte, wer auf den Hof kam. Er trank langsam. Der Kaffee war zu stark; er kochte ihn noch immer so, wie sie ihn gemocht hatte. Dann zog er den Zettel unter der Zuckerdose hervor und las ihn noch einmal. Lindenstraße 14, dritter Stock, Besichtigung Donnerstag, 16 Uhr. Katrin hatte „Papa, bitte“ an den Rand geschrieben und das Bitte zweimal unterstrichen. Er faltete den Zettel zusammen und steckte ihn in die Brusttasche seines Hemdes. Später, beim Abwaschen, hielt er die blaue Tasse lange unter das warme Wasser, obwohl sie nicht schmutzig war. Er trocknete sie ab, sorgfältiger als die weiße. Dann öffnete er den Schrank, sah auf das Regal, auf dem sie früher gestanden hatte, und schloss ihn wieder. Die Tasse stellte er auf die Fensterbank. Von dort, dachte er, sieht man den Hof.