C2.2 · Listening

Hören: Fachvortrag

  1. Meine sehr geehrten Damen und Herren, lassen Sie mich mit einem Bild beginnen, das Ihnen allen vertraut sein dürfte. Lange Zeit stellte man sich das Gedächtnis wie ein Archiv vor: Eine Erfahrung wird eingelagert, mit einem Etikett versehen und bei Bedarf unverändert wieder hervorgeholt. Das Vergessen erschien in diesem Modell als bloßer Verlust – als eine verlegte oder vergilbte Akte. Die Metapher ist so eingängig, dass sie bis heute unsere Alltagssprache prägt: Wir „speichern“ Erinnerungen und „rufen sie ab“. Diese Vorstellung gilt heute als überholt. Vielmehr deutet die Forschung darauf hin, dass eine Erinnerung bei jedem Abruf für kurze Zeit wieder instabil wird und anschließend neu gefestigt werden muss. Man spricht in diesem Zusammenhang von Rekonsolidierung. Ganz neu ist der Gedanke allerdings nicht. Bereits 1932 vertrat der britische Psychologe Frederic Bartlett die Auffassung, Erinnern sei keine Wiedergabe, sondern eine Rekonstruktion; der Mensch fülle Lücken mit dem auf, was ihm plausibel erscheine. Bartlett ließ seine Versuchspersonen eine nordamerikanische Volkserzählung mehrfach nacherzählen und beobachtete, wie sie die fremde Geschichte mit jeder Wiedergabe stärker an ihre eigenen Erwartungen anpassten. Seine These blieb jedoch lange eine Außenseiterposition, weil ihr eine neurobiologische Erklärung fehlte. Diese Erklärung zeichnet sich erst seit etwa zwei Jahrzehnten ab. Im Jahr 2000 zeigten der Neurowissenschaftler Karim Nader und seine Kollegen an Ratten, dass eine bereits gefestigte Angsterinnerung verloren gehen kann, wenn man unmittelbar nach ihrem Abruf die Bildung neuer Proteine in einer bestimmten Hirnregion hemmt. Die Autoren folgerten, eine Erinnerung sei auch nach Jahren nicht endgültig gesichert; sie müsse bei jedem Abruf gewissermaßen neu geschrieben werden. Was folgt daraus für den Menschen? Hier ist Vorsicht geboten, denn Befunde aus dem Tierversuch lassen sich nicht ohne Weiteres übertragen. Einiges spricht jedoch dafür, dass das Prinzip auch bei uns wirksam ist. Die amerikanische Psychologin Elizabeth Loftus hat in zahlreichen Experimenten gezeigt, wie leicht sich Erinnerungen durch nachträgliche Informationen verändern lassen. Wer nach einem gefilmten Verkehrsunfall gefragt wurde, wie schnell die Autos waren, als sie „ineinanderkrachten“, schätzte die Geschwindigkeit höher ein als jemand, dem man das neutrale „zusammenstießen“ vorlegte – und gab eine Woche später häufiger an, Glassplitter gesehen zu haben, die im Film gar nicht vorkamen. Daraus ergibt sich ein Bild, das mit dem Archiv wenig gemein hat. Treffender wäre wohl der Vergleich mit einem Erzähler, der eine Geschichte bei jedem Vortrag ein wenig anders erzählt – je nachdem, wer zuhört und was er inzwischen erlebt hat. Das heißt ausdrücklich nicht, dass unsere Erinnerungen wertlos sind. Die großen Linien bleiben in aller Regel erhalten; unzuverlässig werden vor allem Einzelheiten, auf die es etwa vor Gericht ankommt. Erinnern ist demnach kein Abrufen, sondern ein Erzählen. Und womöglich liegt gerade darin kein Defekt, sondern ein Vorteil: Ein Gedächtnis, das sich anpasst, hält uns in einer Welt handlungsfähig, die sich ständig verändert. Wir sollten allerdings aufhören, einer Erinnerung allein deshalb zu vertrauen, weil sie lebhaft ist.