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Über das Vergessen

  1. Wir leben im Zeitalter der totalen Speicherung. Jedes Foto, jede Nachricht, jede unbedachte Bemerkung in einem Forum lässt sich noch Jahre später mit wenigen Klicks wiederfinden. Was einmal digital festgehalten wurde, scheint dem Vergessen für immer entzogen. Man mag das zunächst für einen Gewinn halten, und in mancher Hinsicht ist es einer: Kein Brief geht mehr verloren, kein Geburtstag wird mehr übersehen, keine Äußerung eines Politikers gerät in Vergessenheit. Wer sich auf sein notorisch unzuverlässiges Gedächtnis nicht verlassen will, lagert es kurzerhand aus. Doch gerade darin liegt eine unterschätzte Gefahr. Denn die Maschine, der wir unsere Vergangenheit anvertrauen, kennt keinen Unterschied zwischen dem Bedeutsamen und dem Beiläufigen, zwischen dem, was uns ausmacht, und dem, was uns bloß einmal unterlaufen ist. Sie bewahrt alles mit derselben gleichgültigen Treue auf. Der Mensch hingegen hat sich über Jahrtausende auf ein Gedächtnis eingestellt, das auswählt, verdichtet und verblassen lässt. Man hat das Vergessen lange als Makel betrachtet, als Versagen eines Organs, das eigentlich alles behalten sollte. Das Vergessen ist jedoch keine bloße Schwäche des Gedächtnisses, sondern vielmehr eine seiner wichtigsten Leistungen. Es erlaubt uns, Unwichtiges abzulegen, Kränkungen verblassen und Wunden vernarben zu lassen. Wer nichts vergessen könnte, wäre nicht klüger, sondern gelähmt: Jede Entscheidung müsste sich gegen die Erinnerung an sämtliche früheren Irrtümer behaupten. Auch das Verzeihen setzt ein gewisses Maß an Vergessen voraus – nicht als Leugnen des Geschehenen, wohl aber als Verzicht darauf, es dem anderen immer wieder vorzuhalten. Was für den Einzelnen gilt, gilt für Gesellschaften erst recht. Eine Gesellschaft, die nichts mehr vergisst, droht an der Last ihrer eigenen Vergangenheit zu ersticken. Wer als Jugendlicher einen törichten Kommentar ins Netz gestellt hat, der fünfzehn Jahre später bei jeder Bewerbung wieder auftaucht, wird auf einen Menschen festgelegt, der er längst nicht mehr ist. Das Versprechen der Moderne, dass man sich ändern, neu anfangen, eine zweite Chance bekommen kann, verliert so unmerklich seine Grundlage. Nichts davon ist ein Plädoyer für das Verdrängen. Es gibt Dinge, die eine Gesellschaft nicht vergessen darf, und die Erinnerung an begangenes Unrecht gehört zu ihren vornehmsten Pflichten. Aber Erinnern ist etwas anderes als Speichern: Es wählt aus, gewichtet und deutet. Eine Kultur des Erinnerns braucht deshalb das Vergessen als Gegenüber, so wie die Musik die Pause braucht. Vor diesem Hintergrund erscheint auch das viel diskutierte „Recht auf Vergessen“ in anderem Licht. Es ist nicht, wie manche Kritiker meinen, ein Instrument zur Zensur der Geschichte, sondern vielmehr der späte Versuch, eine zutiefst menschliche Fähigkeit in die Welt der Datenbanken zu übersetzen. Vielleicht ist das Recht auf Vergessen am Ende ein Recht auf Zukunft.