C2.2 · Reading
Zwei Gedichte (Ringelnatz, Morgenstern) und ein Kommentar: Die Komik der Unverhältnismäßigkeit
-
Gedicht 1 – Joachim Ringelnatz (1883–1934): Die Ameisen In Hamburg lebten zwei Ameisen, Die wollten nach Australien reisen. Bei Altona auf der Chaussee Da taten ihnen die Beine weh, Und da verzichteten sie weise Dann auf den letzten Teil der Reise. Gedicht 2 – Christian Morgenstern (1871–1914): Das ästhetische Wiesel Ein Wiesel saß auf einem Kiesel inmitten Bachgeriesel. Wißt ihr weshalb? Das Mondkalb verriet es mir Das raffinier- te Tier tat's um des Reimes willen. Die Komik der Unverhältnismäßigkeit Beide Gedichte sind kurz, beide handeln von kleinen Tieren, und beide sind komisch – aber nicht auf dieselbe Weise. Bei Ringelnatz entsteht die Komik aus einem Missverhältnis im Stoff: Zwei Ameisen nehmen sich die denkbar weiteste Reise vor, von Hamburg nach Australien, und geben nach wenigen Kilometern auf, bei Altona, damals noch eine selbstständige Stadt unmittelbar an der Hamburger Grenze. Das Gedicht braucht zwei Verse für den Plan, zwei für das Scheitern und zwei für dessen Umdeutung. Entscheidend sind dabei zwei unscheinbare Wörter. „Weise“ adelt eine Niederlage zur klugen Entscheidung; das Wort ist ironisch, denn verzichten kann man eigentlich nur auf etwas, das man noch erreichen könnte. Und „den letzten Teil der Reise“ ist eine Untertreibung von grotesker Größe: Der letzte Teil ist praktisch die ganze Strecke. Die Form verstärkt den Effekt. Sechs Verse, eine einzige Strophe, schlichte Paarreime (Ameisen – reisen, Chaussee – weh, weise – Reise): Das klingt wie ein Kinderreim, und gerade diese Harmlosigkeit lässt die Pointe umso trockener wirken. Man muss die Ameisen nicht als Menschen lesen, aber man kann es: Wer kennt nicht große Vorsätze, die an der ersten Unbequemlichkeit enden und hinterher als Einsicht ausgegeben werden? Morgenstern verlegt das Missverhältnis vom Stoff in die Sprache selbst. Sein Wiesel tut nichts, es sitzt nur – auf einem Kiesel inmitten von Bachgeriesel, offenkundig deshalb, weil sich diese Wörter auf „Wiesel“ reimen. Die erste Strophe häuft denselben Reim dreimal hintereinander; die Frage „Wißt ihr / weshalb?“ tut so, als gäbe es ein Rätsel, und das Mondkalb, ein Fantasiewesen, verrät die Lösung „im Stillen“, als ginge es um ein Geheimnis. Die Auflösung ist die Pointe: Das Tier tat es „um des Reimes willen“. Um auch diesen Satz reimen zu lassen, bricht Morgenstern das Wort „raffinierte“ mitten entzwei, damit „raffinier-“ auf „Tier“ klingt. Das Gedicht führt also vor, was es behauptet: Hier bestimmt der Klang den Inhalt, nicht umgekehrt. Gemeinsam ist beiden Texten die Fallhöhe zwischen großem Anspruch und kleinem Ergebnis – bei Ringelnatz zwischen Weltreise und Nachbarort, bei Morgenstern zwischen feierlicher Rätselfrage und banaler Antwort.