Seit drei Wochen wohnt im dritten Stock unseres Hauses ein Mann, über den das ganze Treppenhaus spricht. Niemand kennt seinen Vornamen; auf dem Klingelschild steht nur ein einzelnes K. Im Haus kursieren seither die wildesten Gerüchte. Er soll jahrelang in Moskau und Buenos Aires gelebt haben; Frau Albers aus dem Erdgeschoss, die über jeden Bescheid zu wissen glaubt, erzählt es jedem, der im Hof stehen bleibt. Der Hausmeister hat ihn beim Einzug nach seinem Beruf gefragt. Der Mann will Übersetzer für alte Sprachen sein; mehr habe er nicht aus ihm herausbekommen, sagt der Hausmeister achselzuckend.
Ich selbst halte mich lieber an das, was ich sehe. Jeden Morgen um sechs verlässt er das Haus mit einem schweren Lederkoffer, und in seiner Wohnung brennt Licht bis weit nach Mitternacht. Wer so früh aufsteht und so spät schlafen geht, muss ungeheuer diszipliniert sein. Die Bücherkisten, die er beim Einzug in den Keller getragen hat, dürften zusammen mehrere hundert Kilo gewogen haben; die beiden Möbelpacker kamen jedenfalls ordentlich ins Schwitzen. Übersetzer für alte Sprachen? Das mag ja stimmen, denke ich manchmal. Aber warum bekommt ein Übersetzer jeden Donnerstag Post von einem Ministerium? Die Umschläge sind grau und dick und tragen ein Wappen. Um ein Versehen kann es sich nicht handeln, dafür kommen die Briefe zu regelmäßig.
Vor einer Woche habe ich ihn dann im Treppenhaus mit einer Frau Russisch sprechen hören, fließend und, soweit ich das beurteilen kann, ohne jeden Akzent. Er könnte also längere Zeit im Ausland verbracht haben – oder er hat schlicht ein Talent für Sprachen. Seitdem macht im Haus eine neue Version die Runde: Die Unbekannte soll seine frühere Kollegin aus der Botschaft gewesen sein. Frau Albers selbst will die beiden schon im Frühjahr zusammen in einem Café am Markt gesehen haben, also Monate bevor er überhaupt eingezogen ist.
Gestern Abend klingelte es bei mir. Vor der Tür stand er, ein Paket in der Hand, das der Bote bei ihm abgegeben hatte. „Das muss Ihres sein“, sagte er und zeigte auf meinen Namen auf dem Etikett. Wir kamen ins Gespräch. Er will die letzten zwölf Jahre an einem Wörterbuch des Altgeorgischen gearbeitet haben; die grauen Briefe stammten von der Kommission, die das Projekt finanziere, und Russisch habe er in Tiflis gelernt, wo man es damals überall sprach. Ob das alles stimmt, weiß ich nicht. Aber ein Mann, der einem um halb zehn ein fremdes Paket bringt und dabei so verlegen lächelt, dürfte kaum ein Spion sein.