Stuttgart. Nach einer mehr als neunstündigen Sitzung hat der Aufsichtsrat der Brenner Maschinenbau AG in der Nacht zum Donnerstag einen Kurswechsel vollzogen, den Branchenkenner noch vor wenigen Wochen für undenkbar hielten. Die Sparte Landtechnik, über Jahrzehnte das Aushängeschild des schwäbischen Traditionskonzerns, soll bis Ende des kommenden Jahres verkauft werden. Der Erlös, Schätzungen zufolge zwischen 800 Millionen und einer Milliarde Euro, soll vollständig in den Ausbau der elektrischen Antriebstechnik fließen.
Wie aus Teilnehmerkreisen verlautete, verlief die Sitzung außergewöhnlich kontrovers. Mehrfach sei sie unterbrochen worden, zeitweise hätten die Arbeitnehmervertreter den Saal verlassen. Erst nach Mitternacht sei eine Mehrheit zustande gekommen, und zwar nur, weil bei Stimmengleichheit die Stimme des Vorsitzenden den Ausschlag gegeben habe.
Hintergrund sind die herben Einbußen des vergangenen Geschäftsjahres. Der Umsatz ging um elf Prozent zurück, das operative Ergebnis brach um nahezu die Hälfte ein. Zugleich stiegen die Kosten für Stahl und Energie stärker als erwartet. Vorstandschef Martin Kessler räumte vor Journalisten ein, man habe die Nachfrageschwäche in Südamerika zu lange unterschätzt und zu spät gegengesteuert. Die Umstellung werde für alle Beteiligten schmerzhaft sein, sie sei jedoch ohne Alternative. Eine Garantie für sämtliche Arbeitsplätze könne er nicht geben, wohl aber die Zusage, dass betriebsbedingte Kündigungen die Ausnahme bleiben sollten.
Beim Betriebsrat stößt der Plan auf erbitterten Widerstand. Dessen Vorsitzende Sabine Ortmann hatte bereits vor der Sitzung erhebliche Bedenken angemeldet und den Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat nahegelegt, geschlossen gegen den Verkauf zu stimmen. Die rund 2300 Beschäftigten der Sparte hätten in den Krisenjahren freiwillig auf Lohnerhöhungen verzichtet, sagte Ortmann am Morgen vor dem Werkstor in Heilbronn. Zum Dank wolle man sie nun an den Meistbietenden verkaufen. Man werde alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, um den Verkauf zumindest an verbindliche Standortgarantien zu knüpfen.
Die Anteilseigner zeigten sich von solchen Einwänden unbeeindruckt. Mit dem Beschluss habe das Gremium die Weichen für das kommende Jahrzehnt gestellt, erklärte der Aufsichtsratsvorsitzende Heinrich Albers. Wer heute zögere, verliere morgen den Anschluss an die Konkurrenz aus Asien. An der Börse wurde die Nachricht mit Erleichterung aufgenommen, die Aktie legte im frühen Handel um knapp sechs Prozent zu. Mehrere Analysten sprachen von einem überfälligen Schritt, mahnten aber zugleich an, der Vorstand müsse nun rasch einen Käufer finden, der die Sparte nicht bloß ausschlachte. Die Ratingagentur, die das Unternehmen im Frühjahr herabgestuft hatte, kündigte an, ihre Bewertung zu überprüfen.
Für die Beschäftigten in Heilbronn beginnt damit eine Zeit der Ungewissheit. Ob der Neuanfang gelingt, dürfte sich erst in zwei, drei Jahren zeigen. Sicher ist nur, dass Brenner seine Vergangenheit hinter sich lässt – und mit ihr ein Stück Industriegeschichte der Region.