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Philosophie & Gesellschaft
Lesson · 4 rules · about 6 min
Folge einer deutschen Debatte über Freiheit, Pflicht und Würde mit genau den Wörtern, die Kant und Weber der Sprache gegeben haben.
- 1Kants Begriffe, wie das Deutsche sie noch verwendet
- 2Ethik und Freiheit: Die Positionen haben Namen
- 3Verben des Argumentierens mit festen Partnern
- 4Das Genus folgt der Form, nicht der Abstraktheit
Why this matters
Wenn ein Essay oder eine Diskussion abstrakt wird, ist der Wortschatz der der deutschen philosophischen Tradition, den gebildete Prosa noch immer ohne Ironie verwendet. Diese Übung setzt diesen Wortschatz in essayistische Sätze, von denen mehrere klassischen gemeinfreien Formulierungen nahekommen: Kants Bestimmung der Aufklärung (Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit), der kategorische Imperativ, Pflicht gegenüber Neigung, der Mensch als Zweck und nie bloß als Mittel, Preis gegenüber Würde, Urteilskraft und Erkenntnis; Max Webers Gesinnungsethik gegenüber Verantwortungsethik; Leibniz’ Theodizee; die Debatte über Willensfreiheit und Determinismus; Rawls’ Gerechtigkeit als Fairness; die Zweck-Mittel-Relation der instrumentellen Vernunft; das Menschenbild, das Gewissen, der Sinn. Um die Nomen herum stehen die Verben des Argumentierens, die du im Essay brauchst: Verantwortung tragen, etwas in Abrede stellen (bestreiten) im Unterschied zu in Frage stellen (anzweifeln), einen Sinn stiften. Mehrere Lücken verlangen das Nomen in dem Kasus, den der Satz fordert (des kategorischen Imperativs, des Gewissens, den freien Willen), und wo das Deutsche zwei natürliche Formulierungen bietet, die Willensfreiheit oder den freien Willen, werden beide akzeptiert.
Rule · 1 of 4
Kants Begriffe, wie das Deutsche sie noch verwendet
die Aufklärung: Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit · die Mündigkeit (selbstständiges Denken, das Erwachsensein) · der kategorische Imperativ (unbedingtes Sittengesetz) gegenüber der hypothetische Imperativ (wenn du X willst, tu Y) · die Pflicht (was man tun muss) gegenüber die Neigung (wozu es einen zieht) · der Zweck (das Ziel) gegenüber das Mittel (der Weg dorthin) · die Würde (jenseits jedes Preises) · die Vernunft (das Vermögen der Prinzipien) · der Verstand (die Fähigkeit zu begreifen) · die Urteilskraft (die Fähigkeit zu urteilen) · die Erkenntnis (das Erkennen, gesichertes Wissen).
- Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Enlightenment is man’s emergence from his self-incurred immaturity.
- Was einen Preis hat, kann durch etwas anderes ersetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, hat eine Würde. What has a price can be replaced by something else; what is raised above all price has a dignity.
Vernunft (das Vermögen der Prinzipien) und Verstand (die Fähigkeit zu begreifen, das gesunde Urteil) sind in philosophischer Prosa nicht austauschbar: „Kritik der reinen Vernunft“, aber „gesunder Menschenverstand“.
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Das sagt einem doch der gesunde ! (= common sense)
Rule · 2 of 4
Ethik und Freiheit: Die Positionen haben Namen
die Gesinnungsethik (die Absicht zählt) gegenüber die Verantwortungsethik (die Folgen zählen) · die Willensfreiheit / der freie Wille gegenüber der Determinismus (alles ist ursächlich festgelegt) · die Theodizee (die Rechtfertigung Gottes angesichts des Bösen) · die Zweckrationalität / die Zweck-Mittel-Relation (die instrumentelle Vernunft) · das Menschenbild (die Vorstellung vom Menschen) · Gerechtigkeit als Fairness.
- Der Gesinnungsethiker fragt, ob seine Absicht rein ist; der Verantwortungsethiker, wofür er am Ende geradestehen muss. The ethicist of conviction asks whether his intention is pure; the ethicist of responsibility asks what he will have to answer for in the end.
- Wer am Determinismus festhält, muss erklären, wie sich Schuld noch zurechnen lässt. Whoever holds on to determinism must explain how guilt can still be attributed.
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Wer allein nach den Folgen seines Handelns urteilt, vertritt eine .
Rule · 3 of 4
Verben des Argumentierens mit festen Partnern
Verantwortung tragen / übernehmen / sich der Verantwortung stellen · etwas in Abrede stellen (bestreiten) · etwas in Frage stellen (anzweifeln) · einen Sinn stiften / verleihen · sich auf etwas berufen (etwas als Stütze anführen) · etwas voraussetzen (als gegeben annehmen) · eine These widerlegen (als falsch erweisen) · Vernunft walten lassen · jemandem Gerechtigkeit widerfahren lassen.
| Verb | Partner | |
|---|---|---|
| sich berufen | ⇄ | auf + Akk: sich auf Kant berufen |
| Stellung nehmen | ⇄ | zu + Dat: zu einer Frage Stellung nehmen |
| zurückführen | ⇄ | auf + Akk: etwas auf eine Ursache zurückführen |
- Niemand stellt in Abrede, dass die Wissenschaft Fortschritte gemacht hat; in Frage steht, ob sie uns klüger gemacht hat. Nobody denies that science has made progress; what is in question is whether it has made us wiser.
- Wer ein Amt annimmt, muss auch die Verantwortung für die Fehler seiner Vorgänger tragen. Whoever accepts an office must also bear responsibility for the mistakes of his predecessors.
in Abrede stellen ist stärker als in Frage stellen: Das erste bestreitet, das zweite zweifelt nur. Und es heißt Verantwortung tragen oder übernehmen, niemals „Verantwortung nehmen“.
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Der Angeklagte stellt die Tat entschieden . (= he flatly denies it)
Memory trick · 4 of 4
Das Genus folgt der Form, nicht der Abstraktheit
Abstrakt heißt nicht feminin. Die Endungen entscheiden: -heit, -keit, -ung, -schaft, -ion, -tät → die (die Freiheit, die Gerechtigkeit, die Verantwortung). -ismus → der (der Determinismus). Nominalisierte Infinitive → das (das Verhalten, das Handeln, das Sein). Viele Kernwörter haben keine solche Endung und sind maskulin oder neutral: der Wille, der Sinn, der Zweck, das Gewissen, das Bewusstsein, das Mittel. -nis ist die oder das (die Erkenntnis, die Finsternis, aber das Ereignis, das Verhältnis, das Gedächtnis). Die Adjektivendungen folgen dann: der freie Wille, den freien Willen, des freien Willens.
- frei+ -heit = die Freiheit
- Pflicht = die Pflicht
- das Gewissen = das Gewissen conscience
- Wille = der Wille
- Der freie Wille und das Gewissen: zwei Grundbegriffe der Ethik – und keiner von beiden ist feminin. Free will and conscience: two basic concepts of ethics – and neither is feminine.
- Das Bewusstsein ist neutral, die Erkenntnis feminin, der Determinismus maskulin. Bewusstsein is neuter, Erkenntnis feminine, Determinismus masculine.
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Ohne freien Willen gibt es keine Schuld.
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Ob der Mensch einen freien Willen besitzt, ist keine Frage der Erkenntnistheorie allein, sondern eine des Menschenbildes. Wer die Willensfreiheit in Abrede stellt, muss erklären, worauf sich Verantwortung dann noch gründet und wie Schuld sich zurechnen lässt. Der Determinismus lässt sich weder beweisen noch widerlegen; gewiss ist nur, dass wir handeln, als wären wir frei. Kant hat daraus keinen Mangel, sondern eine Pflicht gemacht: Wir müssen uns als frei denken, wenn wir uns als vernünftige Wesen begreifen wollen.
Whether human beings possess free will is not a question of epistemology alone but one of our conception of humanity. Whoever denies freedom of the will must explain what responsibility then rests on and how guilt can be attributed. Determinism can be neither proved nor refuted; the only certainty is that we act as if we were free. Kant made this not a deficiency but a duty: we must think of ourselves as free if we want to understand ourselves as rational beings.
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Cheat sheet
What to take with you
- Kants Begriffe, wie das Deutsche sie noch verwendet
- Ethik und Freiheit: Die Positionen haben Namen
- Verben des Argumentierens mit festen Partnern
- Das Genus folgt der Form, nicht der Abstraktheit
How to remember it
- Kant: Unmündigkeit, kategorischer Imperativ, Pflicht gegenüber Neigung, Zweck gegenüber Mittel, Preis gegenüber Würde, Urteilskraft, Erkenntnis.
- Gesinnungsethik gegenüber Verantwortungsethik; Willensfreiheit gegenüber Determinismus.
- in Abrede stellen = bestreiten; in Frage stellen = anzweifeln; Verantwortung tragen / übernehmen.
- Abstrakt ≠ feminin: der Wille, der Sinn, der Zweck, das Gewissen, das Bewusstsein, der Determinismus.
Genus der Grundbegriffe · 5 rows
| der | die | das |
|---|---|---|
| der Wille (der freie Wille) | die Vernunft | das Gewissen |
| der Sinn | die Erkenntnis | das Bewusstsein |
| der Zweck | die Würde | das Mittel |
| der Determinismus | die Pflicht / die Neigung | das Menschenbild |
| der kategorische Imperativ | die Urteilskraft | das Verhalten |
Abstrakt
immaturity (Kant)
Kant bestimmt die Aufklärung als den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten “. (immaturity, tutelage)
Kant defines Enlightenment as “man’s emergence from his self-incurred immaturity”.
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